DSK: KURZGUTACHTEN ZU FACEBOOK-FANPAGES

Zum 18. März 2022 hat die „Taskforce Facebook-Fanpages“ der Konferenz der unabhängigen Datenschutzbehörden des Bundes und der Länder (Datenschutzkonferenz – DSK) ein 40-seitiges Kurzgutachten zur datenschutzrechtlichen Konformität des Betriebs von Facebook-Fanpages vorgelegt. Darin finden insbesondere die seit dem 01. Dezember 2021 geltenden Regelungen des Telekommunikation-Telemedien-Datenschutzgesetzes (TTDSG) und dessen Auswirkungen auf die rechtliche Beurteilung der Zulässigkeit des Betriebs einer Facebook-Fanpage Berücksichtigung. Die Taskforce nimmt dabei ebenfalls Bezug auf ein aktuelles Urteil des OVG Schleswig vom 25. November 2021. Die Inhalte und Auswirkungen des Kurzgutachtens für verantwortliche Stellen soll der nachfolgende Beitrag näher beleuchten.


WOMIT BEFASST SICH DAS KURZGUTACHTEN UND WOMIT NICHT?

Das Kurzgutachten befasst sich unter Berücksichtigung des seit 01. Dezember 2021 anzuwendenden TTDSG hauptsächlich mit der Speicherung von und dem Zugriff auf Informationen (Cookies) in den Endeinrichtungen von Nutzenden. Weiterhin wird die sich daran anschließende Verarbeitung und Verknüpfung mit Nutzungsdaten zu Statistikzwecken sowie zur Profilbildung und zu Werbezwecken thematisiert.

Lediglich umrissen wird hingegen die generellen datenschutzrechtlichen Anforderungen für Betreibende von Facebook-Fanpages sowie eine weitere Positionierung zur datenschutzrechtlichen Verantwortlichkeit und Rechenschaftspflicht bei Facebook-Fanpages. Hierzu hatte die DSK bereits im September 2018 sowie April 2019 entsprechende Stellungnahmen veröffentlicht. Bereits aus diesen ging hervor, dass ein Betrieb von Facebook-Fanpages nicht vollständig datenschutzkonform erfolgen kann.


VEREINBARKEIT MIT DEM TTDSG

Im Rahmen des Kurzgutachtens wird zunächst eine Darstellung der beim Aufruf von Facebook-Fanpages gesetzten Cookies vorgenommen. Hierbei sind grundsätzlich Cookies zu unterscheiden, die bei nicht-registrierten Nutzenden sowie bei registrierten Nutzenden gesetzt werden.

Unstreitig ist eine Facebook-Fanpage als Telemediendienst einzustufen, an deren Bereitstellung der jeweilige Betreiber der Facebook-Fanpage mitwirkt. Dementsprechend handelt es sich bei dem Betreiber um einen „Anbieter von Telemedien“ im Sinne des § 2 Abs. 2 Nr. 1 TTDSG. Somit obliegt diesem ebenfalls die Verpflichtung zur Einhaltung der Regelungen des § 25 TTDSG. Entsprechend des § 25 TTDSG bedürfen Cookies, welche nicht zur Erbringung des jeweiligen Dienstes technisch zwingend benötigt werden, einer Einwilligung. Im Ergebnis ist somit der Betreiber einer Facebook-Fanpage neben Facebook für das Einholen einer gegebenenfalls erforderlichen wirksamen Einwilligung (mit-)verantwortlich.

Das Kurzgutachten widmet sich unter Berücksichtigung dieser Grundvoraussetzungen der Frage, ob die Bereitstellung einer Facebook-Fanpage den Anforderungen aus § 25 TTDSG nachkommen kann. In diesem Zusammenhang wird sich ausführlich mit der Frage auseinandergesetzt, ob die im Rahmen einer Facebook-Fanpage gesetzten Cookies zur Erbringung des Telemediendienstes als technisch zwingend erforderlich bezeichnet werden können. Aufgrund der untrennbaren Verknüpfung mit Verarbeitungen zu Analyse- und Werbezwecken kommt die Taskforce unter Bezugnahme auf die Ausführungen des OVG Schleswig jedoch zu dem Ergebnis, dass die gesetzten Cookies nicht (ausschließlich) zur Erbringung des Telemediendienstes erforderlich und mithin einwilligungsbedürftig sind.

Das seitens Facebook bereitgestellte Einwilligungs-Banner bietet unter Berücksichtigung der Ausführungen der Taskforce sowie des OVG Schleswig zwar grundsätzlich die Möglichkeit Cookies zu akzeptieren bzw. weiterführende Einstellungen vorzunehmen, es erfüllt inhaltlich jedoch nicht die Anforderungen, welche an eine rechtskonforme Einwilligungserklärung zu stellen sind. Das Kurzgutachten kommt dementsprechend zu dem Ergebnis, dass für das Setzen der Cookies keine wirksame Einwilligung eingeholt wird. Die im Rahmen eines Aufrufes einer Facebook-Fanpage gesetzten Cookies werden somit ohne einschlägige Rechtsgrundlage gesetzt. Der Betrieb einer Facebook-Fanpage ist demnach unter Berücksichtigung der Anforderungen des § 25 TTDSG nicht mit dem TTDSG vereinbar.


VEREINBARKEIT MIT DER DS-GVO

Zur Vereinbarkeit der Verarbeitung personenbezogenen Daten im Rahmen von Facebook-Fanpages, insbesondere bezüglich der jeweiligen Insight-Statistiken, führt das Kurzgutachten zur datenschutzrechtlichen gemeinsamen Verantwortlichkeit von Facebook und dem jeweiligen Betreiber der Facebook-Fanpage aus. Die Einstufung als gemeinsame Verantwortliche im Sinne des Art. 26 DS-GVO entstammt der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes und wurde sowohl durch das Bundesverwaltungsgericht als auch das OVG Schleswig aufgegriffen.

An dieser Stelle positiv hervorzuheben ist, dass das OVG Schleswig in der Datenverarbeitung zu Werbezwecken durch Facebook keine gemeinsame Verantwortlichkeit im Sinne des Art. 26 DS-GVO sieht. Hierbei fehle es „insoweit jedenfalls an einer gemeinsamen Entscheidung über den Zweck der Datenverarbeitung.“ Dieser Ansicht folgt die Taskforce jedoch nicht. Sie sieht in der Nutzung eines werbefinanzierten Dienstes durch den Betreiber der Facebook-Fanpage durchaus ein eigenes Interesse an der Verarbeitung von personenbezogenen Daten von Facebook. Auch wenn die Taskforce die Argumentation unter Nennung des sogenannten „Netzwerkeffektes“ stützt, kann diese im Ergebnis nicht überzeugen.

Übereinstimmend kann jedoch eine gemeinsame Verantwortlichkeit hinsichtlich der Verarbeitung personenbezogener Daten zu Insight-Statistiken angenommen werden. Das Kurzgutachten weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine jede Verarbeitung personenbezogener Daten einer einschlägigen Rechtsgrundlage bedarf. Eine solche liege jedoch für die Anfertigung von Statistiken ausdrücklich nicht vor. Die Annahme einer Einwilligung scheitere bereits aufgrund der Ausführungen zur Einwilligung hinsichtlich des Setzens von Cookies, die Durchführung einer Interessenabwägung sei bereits wegen einer unmöglich vorzunehmenden Prüfung der Rechtskonformität nicht möglich.

Abschließend verweist das Kurzgutachten auf die datenschutzrechtlichen Grundsätze nach Art. 5 Abs. 1 DS-GVO sowie die Verpflichtung zur Bereitstellung transparenter Informationen nach Art. 26 DS-GVO hinsichtlich der gemeinsamen Verarbeitung personenbezogener Daten durch Facebook und dem jeweiligen Betreiber der Facebook-Fanpage sowie nach Art. 13 DS-GVO hinsichtlich der jeweils eigenverantwortlichen Verarbeitung personenbezogener Daten. Beide Informationspflichten lassen sich nach Auffassung der Taskforce aufgrund unzureichender Informationsbereitstellung durch Facebook nicht im erforderlichen Rahmen bereitstellen. Im Ergebnis ist dem Kurzgutachten eine deutliche Verneinung der Vereinbarkeit mit der DS-GVO zu entnehmen.


ERGEBNIS DES KURZGUTACHTENS

Auch wenn einige Ausführungen des Kurzgutachtens äußerst komplex dargestellt werden, erfreut sich das Ergebnis einer besonders klaren Formulierung: „Für die bei Besuch einer Fanpage ausgelöste Speicherung von Informationen in den Endeinrichtungen der Endnutzer:innen und den Zugriff auf Informationen, die bereits in der Endeinrichtung gespeichert sind, sowie für die Verarbeitungen personenbezogener Daten, die von Seitenbetreibern verantwortet werden, sind keine wirksamen Rechtsgrundlagen gegeben. Darüber hinaus werden die Informationspflichten aus Art. 13 DS-GVO nicht erfüllt.“ Facebook-Fanpages lassen sich somit nicht datenschutzkonform betreiben.


FAZIT

Die Inhalte des Kurzgutachtens sind inhaltlich (weitestgehend) nicht zu beanstanden, überraschen darüber hinaus jedoch auch wenig. Im Ergebnis ist festzuhalten, dass das vorliegende Kurzgutachten durch die betreffenden verantwortlichen Stellen – wenn überhaupt – nur schulterzuckend zur Kenntnis genommen werden wird. Dass ein Betrieb von Facebook-Fanpages nicht vollständig datenschutzkonform erfolgen kann, ist bereits seit einigen Jahren Gegenstand der datenschutzrechtlichen Beratungspraxis. Eine entsprechende Sanktionierung seitens der Aufsichtsbehörden blieb bislang weitestgehend aus, sodass sich verantwortliche Stellen auch weiterhin in der Breite dieses Marketinginstrumentes bedienen werden. Daran wird auch das Veröffentlichen eines weiteren Gutachtens nichts ändern können.

Über den Autor: Max Just, LL.M. ist Wirtschaftsjurist und als externer Datenschutz- und Informationssicherheitsbeauftragter beim DID Dresdner Institut für Datenschutz tätig. Neben diversen öffentlichen Stellen berät er ebenfalls verschiedene IT- und mittelständische Unternehmen. Für Anregungen und Reaktionen zu diesem Beitrag können Sie den Autor gern per E-Mail kontaktieren.

TERMINHINWEIS: DATENSCHUTZSPRECHSTUNDE

Wir sehen es als unsere Aufgabe an, möglichst viele Personen für die Themen Datenschutz und Informationssicherheit begeistern zu können, wichtige Anforderungen zu erläutern und praxistaugliche Umsetzungsmöglichkeiten abzubilden. Da wir uns insbesondere im Rahmen der datenschutzrechtlichen Beratung oft mit Irrtümern und Fehlvorstellungen konfrontiert sehen, wollen wir in unserem neuen Format, der Datenschutzsprechstunde, regelmäßig für alle Interessierten eine Möglichkeit zum Austausch und zur Diskussion bieten. Die nächste Sprechstunde findet am 05. April 2022 in der Zeit von 11:00 Uhr bis 12:00 Uhr statt. Zur Anmeldung.

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WIR SUCHEN DICH! – ABER NUR MIT EINEM PSYCHOLOGISCHEN TEST (2)

Zahlreiche Unternehmen setzen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern auf die Ergebnisse von psychologischen Testverfahren. Aus gutem Grund, denn Ergebnisse aus psychologischen Einschätzungen können bei der Wahl des Interessenten das Risiko minimieren, sich für die falsche Person zu entscheiden. In Teil I haben wir ausführlich die Frage diskutiert, ob die Durchführung von psychologischen Testverfahren datenschutzrechtlich in den Definitionsbereich des Profilings fällt. Nach eingehender Analyse sind wir auf das Ergebnis gekommen, dass die Voraussetzungen des Profilingbegriffs zutreffen.

Allerdings werfen solche Testverfahren bei näherer Betrachtung weitere Fragen auf, beispielsweise wie die hierbei entstehenden Informationen zu kategorisieren sind. Diese Frage gewinnt weiter an Brisanz, wenn klar wird, dass es sich um besondere Kategorien personenbezogener Daten im Sinne des Art. 9 Abs. 1 DS-GVO handeln könnte. Sollten diese Informationen tatsächlich besondere Kategorien von Daten darstellen, entstehen Unternehmen während und nach der Bewerbungsphase besonders strenge Pflichten beim Umgang mit den Daten der Bewerber:innen.


BESONDERE KATEGORIEN VON DATEN?

Psychologische Testverfahren analysieren teilnehmende Personen in verschieden Aspekten ihrer Persönlichkeit und erstellen daraus Persönlichkeitsprofile. Es gibt einige verbreitete und anerkannte psychologische Testverfahren, die jeweils verschiedene Werkzeuge nutzen, um die Persönlichkeit von Teilnehmern darzustellen. In den meisten Fällen nutzen sie Fragebögen, welche von den Teilnehmer:innen beantwortet werden müssen. Anhand der Art und Weise, wie die Teilnehmer:innen diese Fragen beantworten, kann die Persönlichkeit zumindest in einigen relevanten Aspekten ermittelt und in für Dritte verständliche Profile dargestellt werden. In solchen Testverfahren werden zumeist Fragen zur Motivation, psychischen Stärke, Teamfähigkeit, Belastbarkeit und Verhalten etc. gestellt.

Es besteht Grund zur Annahme, dass psychologische Gutachten als besondere Kategorien von Daten einzustufen sind. Um das herauszufinden, muss zunächst geklärt werden, ob Daten, welche mithilfe von psychologischen Testverfahren und deren Auswertung Informationen über die Gesundheit und „Arbeitsfähigkeit“ einer Person preisgeben und somit unter das Schutzregime des Art. 9 Abs. 1 DS-GVO fallen. Es stellt sich somit die Frage, ob ein psychologisches Gutachten als Gesundheitsdatum zu werten ist. Über die ausdrücklich im Katalog des Abs. 1 genannten Daten hinaus werden auch mittelbare Hinweise auf diese Merkmale besonders geschützt. Hieraus wird ersichtlich, dass es bei der Einstufung als besondere Kategorien von Daten auf den vermittelten Informationsgehalt ankommt, nicht auf die Art- und Weise der Darstellung und Bezeichnung.

Der in Art. 9 Abs. 1 DS-GVO enthaltene Katalog von besonderen Kategorien personenbezogener Daten ist zwar abschließend, aber teils sehr weit gefasst. Die genaue Definition von Gesundheitsdaten ist in Art. 4 Nr. 15 DS-GVO geregelt. Demnach umfasst der Begriff Informationen über die körperliche und physische Gesundheit von (natürlichen) Personen. Hierzu gehören auch Daten, die durch Erbringung von Gesundheitsdienstleistungen entstehen, und Informationen, aus denen der Gesundheitszustand von Personen hervorgeht. Erwägungsgrund 35 Satz 1 DS-GVO geht noch einen Schritt weiter und schließt darüber hinaus sämtliche Daten aus denen Informationen über den früheren, gegenwärtigen und künftigen körperlichen oder geistigen Gesundheitszustand der betroffenen Person hervorgehen, können in den Definitionsbereich mit ein. Dabei spielt die Herkunft der Daten zur Einordnung als Gesundheitsdatum gemäß Erwägungsgrund 35 Satz 1 keine Rolle. So macht es keinen Unterschied, ob die Datei von einem Arzt, oder sonstigen im Gesundheitswesen beschäftigten Person oder Einrichtung stammt. Hierzu gehören folglich auch Gesundheitsdaten, die von einem Medizinprodukt generiert wurden. Selbst aus Fotografien können Gesundheitsdaten entstehen, etwa wenn eine fotografierte Person eine Brille trägt. Zudem können verschiedene Daten, die keine Gesundheitsdaten darstellen, wie zum Beispiel Größe, Gewicht und Alter, durch ihre Verknüpfung zu Gesundheitsdaten zusammengeführt werden. In diesem Sinne sind selbst Sportuhren und Fitnesstracker dazu geeignet, Gesundheitsdaten zu verarbeiten und wahrscheinlich sogar zu generieren.


ERGEBNIS

Nach den oben genannten Überlegungen steht fest, dass nicht nur ausgewiesene Medizinprodukte und im Gesundheitswesen agierende Personen im Stande sind Gesundheitsdaten herzustellen. In anderen Worten: Solche Informationen können nicht nur durch einen Arzt oder einer Ärztin entstehen und es bedarf auch keines medizinischen Produkts, welches von ihnen verschrieben wurde. Sie lassen ferner den Schluss zu, dass auch Informationen aus psychologischen Testverfahren als besondere Kategorien von personenbezogenen Daten einzustufen sind. Die DS-GVO definiert Gesundheitsdaten sehr weitläufig und lässt in ihrer Anwendung sehr viel Auslegungsspielraum. Der Gesetzgeber hat dadurch, wie an den vorangegangenen Beispielen deutlich gemacht wurde, den Maßstab zur Einstufung personenbezogener Daten als Gesundheitsdaten offenbar eher niedrig angesetzt hat. Frei nach dem Motto: Lieber zu viel als zu wenig. Haben Sie sich in Ihrem Betrieb dazu entschieden, Ergebnisse psychologischer Testverfahren für die Auswahl Ihrer Bewerber einzubeziehen, raten wir diese Daten zur Sicherheit nach den Regelungen des Art. 9 DS-GVO zu behandeln. In der Praxis kann dies allerdings mit großem Aufwand verbunden sein, da sie weitere, strengere Maßnahmen zum Umgang mit diesen Daten umsetzen müssen.

Über den Autor: Andreas Nanos LL.M. ist Wirtschaftsjurist und als externer Datenschutzbeauftragter beim Dresdner Institut für Datenschutz tätig. Im Fokus seiner Beratungstätigkeiten liegen insbesondere Unternehmen im Speditionssektor, mittelständische Unternehmen, sowie Hochschulen und Kultureinrichtungen. Neben seiner Tätigkeit als Datenschutzbeauftragter promoviert er an der juristischen Fakultät der Karls-Universität Prag im Bereich der strafrechtlichen Verantwortung für künstliche Intelligenz. Für Anregungen und Reaktionen zu diesem Beitrag können Sie den Autor gern per E-Mail kontaktieren.

TERMINHINWEIS: DATENSCHUTZSPRECHSTUNDE

Wir sehen es als unsere Aufgabe an, möglichst viele Personen für die Themen Datenschutz und Informationssicherheit begeistern zu können, wichtige Anforderungen zu erläutern und praxistaugliche Umsetzungsmöglichkeiten abzubilden. Da wir uns insbesondere im Rahmen der datenschutzrechtlichen Beratung oft mit Irrtümern und Fehlvorstellungen konfrontiert sehen, wollen wir in unserem neuen Format, der Datenschutzsprechstunde, regelmäßig für alle Interessierten eine Möglichkeit zum Austausch und zur Diskussion bieten. Die nächste Sprechstunde findet am 05. April 2022 in der Zeit von 11:00 Uhr bis 12:00 Uhr statt. Zur Anmeldung.

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WIR SUCHEN DICH! – ABER NUR MIT EINEM PSYCHOLOGISCHEN TEST (1)

Unternehmen stehen im betrieblichen Alltag vor einer zunehmenden Anzahl an Einzelentscheidungen. Jede dieser Entscheidung ist wichtig und muss getroffen werden, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Ein Bereich, welcher Unternehmen sehr viel Zeit, Personal und damit Ressourcen kostet, ist die Suche nach geeigneten Mitarbeiter:innen. Auf eine Stellenanzeige treffen teilweise Tausende Bewerbungen ein. In solchen Fällen ist es wohl keinem Unternehmen möglich, sämtliche Bewerbungen einzeln und individuell gründlich zu sichten. Selbst wenn die Auswahl geeigneter Bewerber:innen getroffen ist, bleiben sogar bei den aussagekräftigsten Bewerbungsunterlagen viele Fragen offen: Ist die Person wirklich stressresistent? Stimmen die Angaben bezüglich der Zuverlässigkeit? Passt die Person charakterlich ins Team? Um diese Ungewissheiten zumindest teilweise zu eliminieren, gibt es psychologische Testverfahren, die berufsrelevante Persönlichkeitsmerkmale systematisch und automatisiert erfassen.

Die Nutzung dieser Dienste ist für Unternehmen heute gängig und Jobsuchende nehmen diese regelmäßig unkritisch in Anspruch, um keinen negativen Eindruck im Bewerbungsgeschehen zu hinterlassen. Dennoch gibt es in der Praxis einige datenschutzrechtliche Stolpersteine, über die Unternehmen im Rahmen der Nutzung fallen können. Dieser Beitrag widmet sich der Frage, ob das automatisierte psychologische Testverfahren als Profiling bzw. als automatisierte Entscheidungsfindung im Einzelfall einschließlich Profiling zu werten ist.


PROFILING UND AUTOMATISIERTE ENTSCHEIDUNGSFINDUNG?

Eine weitere Fragestellung ergibt sich aus Art. 22 DS-GVO. Dieser regelt das Recht des Betroffenen, keiner ausschließlich auf einer automatisierten Verarbeitung – einschließlich Profiling – beruhenden Entscheidung unterworfen zu werden. Gemäß Art. 4 Nr. 4 DS-GVO fällt unter den Begriff des Profilings jede automatisierte Verarbeitung personenbezogener Daten zur Bewertung bestimmter persönlicher Aspekte natürlicher Personen. Hierzu gehören Faktoren wie Arbeitsleistung, Gesundheit, Interessen, Zuverlässigkeit, Verhalten usw.

Per Definition umfasst das Profiling lediglich die Datenanalyse einer individuellen Verhaltensbewertung. Als Profiling werden Techniken erfasst, mit deren Hilfe auf Grundlage des analytischen Verhaltens unter Zugrundelegung statistisch-mathematischer Verfahren, Prognosen über das mögliche künftige Verhalten einer Person erstellt werden können. Dies kann eine Vielzahl verschiedener Prognosen sein, wie beispielsweise und in diesem Kontext besonders relevant, Einschätzungen von Fehler- und Ermüdungsrisiken im Zusammenhang mit der Bedienung komplexer Maschinen. Die Funktionsweise psychologischer Testverfahren entspricht somit der Definition des Profilings. Das bedeutet jedoch nur, dass keine automatische Entscheidung ausschließlich auf Basis der Ergebnisse automatisierter psychologischer Testverfahren gefällt werden darf. In der Praxis bedeutet das, dass wenn Sie eine Software für psychologische Gutachten im Bewerbungsmanagement einsetzen, Sie den Prozess insgesamt so gestalten sollten, dass Sie Bewerber:innen nicht allein aufgrund des psychologischen Gutachtens „herausfiltern“.

Art. 22 Abs. 2 kennt drei Ausnahmetatbestände. Relevant könnte zum einen Abs. 2 lit. a sein, wenn die Entscheidung für den Abschluss oder Erfüllung eines Vertrags zwischen der betroffenen Person und dem Verantwortlichen erforderlich ist. Ob dieser Ausnahmetatbestand greift, ist hinsichtlich der Vielzahl an Stadien eines Bewerbungsprozesses fraglich. Unklar bleibt, ob die Ausnahme des Abs. 2 lit. a einschlägig ist, wenn ein derart generiertes psychologisches Gutachten in die Entscheidung einbezogen wird, einen Bewerber lediglich zu einem Bewerbungsgespräch einzuladen. Es handelt sich nur um eine Einladung zum Gespräch, auf dessen Basis die finale Entscheidung getroffen werden soll. Demnach könnte man argumentieren, dass der Bewerber keiner auf einer automatischen Verarbeitung beruhenden Entscheidung unterworfen war, sondern auf eine von Menschen getroffene Einzelentscheidung, beruhend auf das Bewerbungsgespräch. Dem steht jedoch das im Schrifttum häufig aufgeführte Argument entgegen, dass eine (negative) rechtliche Wirkung oder sonstige ähnliche, erhebliche Beeinträchtigung ausreicht, um den Tatbestand des Art. 22 Abs. 1 DS-GVO auszulösen. Demzufolge, so die Argumentation, reicht es aus Bewerber nicht zum Bewerbungsgespräch einzuladen, um eine rechtliche Wirkung zu entfalten. Der Bewerber hätte im persönlichen Gespräch vielleicht doch überzeugen können.

Einzige weitere Ausnahme findet sich in lit. c. Demnach wäre die automatische Entscheidung basierend auf den Ergebnissen des psychologischen Testverfahrens mit einer ausdrücklichen Einwilligung der betroffenen Person zulässig. Doch auch diese Variante ist problematisch, da die Einwilligung gemäß § 26 Abs. 2 S. 1 BDSG freiwillig erfolgen muss. Eine rechtsgültige Einwilligung der Bewerber:innen wäre allerdings kaum durchsetzbar, denn es gibt keine „echte Wahl“. Bei Widerruf oder Verweigerung wäre die logische Konsequenz, dass die Bewerber:innen aus dem Verfahren ausgeschlossen werden. Das führte das Bewerbungsverfahren ad absurdum.

Die Art. 29 Datenschutzgruppe sieht eine rein maschinelle Entscheidung als erforderlich an, wenn auf eine Stellenanzeige derartig viele Bewerbungen eingeschickt werden, dass die manuelle Sichtung und die darauf basierende Entscheidung für das Unternehmen nicht tragbar ist. Da die Durchsicht der Bewerbungen für Unternehmen bei einer derart hohen Zahl nicht zumutbar ist, muss die Auslese folglich durch automatisierte Prozesse erfolgen, um einen Überblick über die am meisten infrage kommenden Bewerber zu erlangen.


ERGEBNIS

Unternehmen haben ein Interesse daran, den Bewerbungsprozess so zu gestalten, dass die finale Entscheidung, wen sie einstellen, einerseits mit einem möglichst geringen Risiko behaftet ist, andererseits sollte die Entscheidungsphase schnell und kostengünstig vonstattengehen. Psychologische Gutachten minimieren das Risiko eines „Fehlgriffs“ bei der Auswahl. Automatische Entscheidungsprozesse, die die Ergebnisse solcher Gutachten mit einbeziehen, können das Verfahren enorm beschleunigen.

Für die Praxis können wir in diesem Kontext folgenden Raten geben: Nutzen Sie die Gutachten solcher Testverfahren grundsätzlich nur bei einer eher überschaubaren Anzahl von Bewerber:innen und allein zur Risikominimierung. So ist es im Notfall einfacher nachzuweisen, dass Ihre Entscheidung ausschließlich von Menschen getroffen wurde und das Gutachten hierbei eine rein unterstützende Funktion hatte. Die rechtssichere Einbeziehung solcher Testverfahren ist schwierig, da die Ausnahmen des Art. 22 Abs. 2 lit. a und c möglicherweise nicht einschlägig sind. Insbesondere wird es, aufgrund der wahrscheinlichen Konsequenzen bei Widerspruch, kaum möglich sein, Bewerber:innen freiwillig einwilligen zu lassen.

Über den Autor: Andreas Nanos LL.M. ist Wirtschaftsjurist und als externer Datenschutzbeauftragter beim Dresdner Institut für Datenschutz tätig. Im Fokus seiner Beratungstätigkeiten liegen insbesondere Unternehmen im Speditionssektor, mittelständische Unternehmen, sowie Hochschulen und Kultureinrichtungen. Neben seiner Tätigkeit als Datenschutzbeauftragter promoviert er an der juristischen Fakultät der Karls-Universität Prag im Bereich der strafrechtlichen Verantwortung für künstliche Intelligenz. Für Anregungen und Reaktionen zu diesem Beitrag können Sie den Autor gern per E-Mail kontaktieren.

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